Leseprobe

 

Auszug aus dem ersten Kapitel von Tala und die vergessenen Tore

 

„Tala Sturkopf, wenn du springst, werde ich nicht mehr dein Freund sein! Und damit du’s nicht vergisst: Ich bin dein einziger Freund weit und breit!“ Tim stemmte unbeholfen die Hände in seine Hüften und die zahlreichen Sommersprossen in seinem rundlichen Gesicht hüpften nervös auf und ab, als er versuchte, Tala den Weg zu versperren. Die Kinder standen dicht vor der Abbruchkante des alten Steinbruches, welcher - gesäumt von schwarzen Tannen - inmitten des Nordwaldes lag.

„Du brauchst mich nicht daran zu erinnern. Das weiß ich sehr gut. Und jetzt geh’ mir aus dem Weg, sonst versuche ich es das nächste Mal, wenn du nicht dabei bist!“

Der zehnjährige Rotschopf blickte in die dunkelgrünen Augen seiner eigensinnigen Freundin und dann hinter sich: Keine zwei Schritte, und die rissige Steinwand brach steil nach unten ab. Tala hatte sich in den Kopf gesetzt, von der Abbruchkante auf die nächste Tanne zu springen, die von der Sohle eines kleinen Tales zu ihnen heraufwuchs. Ihre Zweige rauschten, als der Wind frisch hindurchfuhr, und Talas schwarze Haare zausten sich um ihre Stirn. Von Schwindel ergriffen trat Tim mit einem ängstlichen Seufzer beiseite.

Das Mädchen band sein Haar zu einem Zopf zusammen und stopfte den Saum seines grauen Alltagskleides in die Strumpfhose. Das schmale Gesicht mit der leicht gebogenen Nase wirkte hochkonzentriert, als Tala ihr Ziel fixierte.

„Tu’s nicht! Du wirst abstürzen.“ Tims Stimme klang hoch und piepsig, wie die einer kleinen Spitzmaus. Als Antwort spannte Tala ihren dünnen Körper, schoss nach vorne und sprang.

Steine lösten sich von der Abbruchkante und stürzten polternd in die Tiefe und Tim schnappte nach Luft und kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, hing seine Spielgefährtin wie ein Käfer an der heftig schwankenden Schwarztanne.

„Alles in Ordnung bei dir?“ Tims Hände waren schweißnass und er merkte, dass er zitterte. Wie er Talas Mutproben hasste! Ständig kam sie auf diese blöden Ideen und kein Tag verging, an dem er nicht ein Auge auf sie haben musste!

„Ja, alles gut. Aber ich denke, ich habe mir meine Arme und Beine zerkratzt.“ Talas Kichern steigerte sich zu einem glucksenden Lachen. „Ich klettere jetzt hinunter!“

Sie begann, sich durch die Äste der Tanne nach unten zu wühlen.

„Ich gehe lieber außen herum“, erwiderte Tim kleinlaut, lief links am Rande des Steinbruchs entlang und rutschte in einer aufwirbelnden Staubwolke den Geröllhang hinunter.

Tala inspizierte gerade ihre Strumpfhose, als Tim in die Senke gelaufen kam. Ein großes Loch klaffte in der Wolle, gleich oberhalb des rechten Knies, und auf ihrer Haut sah man lange, rote Kratzer.

„Oh weh, das wird Ärger geben“, murmelte Tala und zog schnell ihr Kleid über die Strumpfhose, um das Loch zu verbergen. „Gestern schon hat mir Stina eins mit dem Kochlöffel übergezogen, weil ich mich mit den Jungs auf dem Schulhof geprügelt habe. Dabei haben sie angefangen!“

„Wenn du so weitermachst, werden sie dich rausschmeißen!“ Mit besorgtem Blick musterte Tim seine abenteuerlustige Freundin. Schon oft hatte er die Frauen des Waisenhauses darüber reden hören, Tala in ein anderes Heim zu schicken, da ihnen ihr Ungehorsam allmählich über den Kopf wuchs.

„Das sagen sie immer. Und dann tun sie’s doch nicht“, erwiderte Tala und reckte die Nase in die Luft. Doch beim Anblick des dunkler werdenden Himmels wurden ihre Augen groß. „Mist noch eins, es dämmert schon, und ich muss noch die Wäsche zu Mrs. Begetstone bringen!“

 

Ohne weiter auf ihren Freund zu achten, rannte Tala aus dem Steinbruch hinaus und weiter auf dem Weg durch den oberen Nordwald Richtung Kesgrave. Die Blätter der wenigen Laubbäume, die den Weg zum Dorf hinab säumten, färbten sich allmählich gelb. Die Luft spiegelte noch die Wärme des Spätsommers, doch die Tage wurden schon kürzer und nach Sonnenuntergang spürte man bereits die Frische des Herbstes.

Die Erdenwelt zählte das Letzte der drei Sonnenjahre mit ihren ertragreichen Sommern, den kurzen Wintern und langen Tagen, an welchen man im Hellen zu Bett ging und bei strahlendem Licht wieder erwachte. Doch bald schon würden die beiden Schattenjahre anbrechen, düster und kalt. Alle Menschen von Anglia, der Insel im Nordmeer der Erdenwelt, fürchteten diese Zeit. Denn in den Schattenjahren gab es wenig Licht und die dunklen Tage brachten immer wieder Hungersnöte über das Land.

Als sie Kesgrave erreichten, hatte Talas pummeliger Freund sie fast eingeholt, obwohl sein blasses Gesicht feuerrot angelaufen war und er keuchend Fuß vor Fuß setzte. Der Staub wirbelte unter den ausgetretenen Lederschuhen der Kinder auf, als sie an Sir Edmund’s Warenhaus vorbei die alte Kreisstraße entlang rannten.

Kurz vor dem Waisenhaus mit seinen weiß verputzten Mauern und dem schlichten Holzdach wurde Tala langsamer. Tim drückte sich die Hände in die Seiten und schnappte nach Luft.

„Schläfst du heute wieder bei der ollen Begetstone?“ fragte er. Die Frau, welche die Wäscherei des Dorfes führte, war ihm unheimlich.

„Ja, warum?“ gab Tala zurück und zog ihre dunklen Augenbrauen hoch.

„Die anderen reden schon!“, bemerkte Tim mit Nachdruck.

„Das tun sie doch sowieso!“ Tala hatte keine Lust, sich um das Gerede der anderen Kinder zu kümmern.

„Die Begetstone ist eine Hexe“, entgegnete Tim düster und seine Sommersprossen zogen sich ängstlich zusammen. „Sie lockt kleine Kinder in ihr Haus, kocht sie und braut daraus Liebestränke, mit denen sie unschuldige Männer verführt! Die anderen sagen, dass sie ihren eigenen Sohn geopfert hat! Er ist vor Jahren verschwunden und kein Mensch hat ihn je wieder zu Gesicht bekommen!“

Tala warf Tim einen verächtlichen Blick zu. „Sie ist keine Hexe“, erwiderte sie barsch. „Ich helfe ihr bei der Arbeit und verdiene mir ein paar Münzen dazu. Immerhin werde ich mir Wolle kaufen müssen, um das Loch in der Strumpfhose zu stopfen!“

Die Wahrheit war, dass Tala Mrs. Begetstone gernhatte. Im Waisenhaus war es gang und gäbe, dass Kinder, die ungehorsam waren, zur Strafe die Wäsche zur Dorfhexe bringen mussten.

Doch Tala half Martha Begetstone gerne bei der Arbeit, manchmal blieb sie das ganze Wochenende bei ihr. Im Waisenhaus würde sie das nie erzählen, aber Tala fühlte sich in dem kleinen, schiefen Wäschereihaus am anderen Ende des Dorfes wohl. Am liebsten wäre sie die ganze Woche dort geblieben.

„Na gut, du weißt es ja ohnehin besser.“ Gekränkt drehte sich Tim um und schlenderte zum Haupthaus, in dem sich Küche, Essraum und die Schlafsäle befanden. Tala sah ihrem Freund einen Moment mit gerunzelter Stirn hinterher und überlegte, ob sie besser noch etwas Nettes zu ihm sagen sollte. Immerhin war er tatsächlich ihr einziger Freund und sie mochte ihn gerne, auch wenn er oft ein echter Hasenfuß war.

„Bis morgen!“, brachte sie heraus, doch Tim reagierte nicht. Achselzuckend wandte Tala sich um, lief hinter das Gebäude, schnappte sich einen Blechwagen und stieß die Tür zur Wäschekammer auf. Sie stopfte den Wagen bis zum Rand mit Wäsche voll und begab sich in der nahenden Dunkelheit auf den Weg durchs Dorf.

Quietschend rollte der Blechwagen hinter ihr her, die Kreisstraße in südlicher Richtung hinunter. Vorbei an den alten Seemannshütten, die dicht an dicht am Straßenrand kauerten, als wollten sie sich gemeinsam vor dem starken Nordwind schützen, der des Abends vom Meer her durch die Gassen zog. Fahler Kerzenschein flackerte durch die Fenster, die das kleine Waisenmädchen misstrauisch beäugten, wie es da allein durch die Straßen ging. Tala reckte das Kinn vor, machte sich etwas größer und lief schneller durch die wachsende Dunkelheit. Die Räder holperten über den Kies und ließen den Wagen hin und her schaukeln. An der neuen Straße zum Küstendorf Dunedin bog sie rechts ab und lief an der Dorfkapelle vorbei. Sie vermied es, an die Andacht am Sonnentag, dem siebten Tag der Woche, zu denken. An die feinen Spitzenkleider, die sie am Hals kratzten, und die Zeit, die nicht vergehen wollte, wenn sie mit wunden Knien auf der harten Holzbank ausharrte. Manchmal schaffte Tala es, sich zu drücken, indem sie während der Gebete unter den Bänken und Füßen hindurch nach draußen kroch. Allerdings wurde es immer schmerzhaft, wenn die Aufseherinnen des Waisenhauses sie dabei erwischten.

An der nächsten Kreuzung hielt Tala unschlüssig an: Links von ihr verlief die lange Südwaldstraße, die weiter durch das Dorf bis zu dessen südlichen Rand führte. Geradeaus schlängelte sich der Mühlenweg am Rande des Mühlenwaldes entlang bis zum Nutbach.

Dieser Weg war kürzer und würde Tala einige Minuten Fußweg ersparen. Allerdings vermied sie es, den Mühlenweg bei Dunkelheit zu gehen, denn er führte sie an der ausgebrannten Mühle der Familie Morrison vorbei, die dort vor zehn Jahren bei einem Brand ums Leben gekommen war. Tagsüber trieb sie sich oft bei der Mühle herum, schwamm im aufgestauten Bachlauf bei dem alten Mühlrad oder spielte mit Tim in dem verrußten Haus Verstecken. Doch in der Schwärze der Nacht schienen Schatten aus dem Ruß zu steigen. Tala war tagsüber stets mutig und furchtlos; was sie Tim jedoch nie verraten würde, war, dass sie nach Einbruch der Dunkelheit stets ein mulmiges Gefühl überkam, sobald sie alleine draußen herumstreunte. Einmal hatte Tala beim Spielen am Bach die Zeit vergessen. Die Sonne war schon untergegangen und die schwarzen nackten Balken des verbrannten Dachstuhls stachen wie das Gerippe eines toten Tieres unheilvoll in den finsteren Himmel. Plötzlich war es Tala, als höre sie Schreie aus der Ruine. Mit einer Gänsehaut am ganzen Körper war sie, so schnell ihre Beine sie trugen, zurück zum Waisenhaus gerannt. Seitdem achtete sie peinlich genau auf den Stand der Sonne, wenn sie den Mühlenweg einschlug.

Jetzt blickte Tala die vom Schein der Fenster erleuchtete Südwaldstraße hinunter, dann wieder zu dem düsteren Mühlenweg und biss sich unschlüssig auf die Lippen. Immerhin war es noch nicht stockdunkel und sie sparte eine gute Strecke Weg, wenn sie am Nutbach entlang zu dem Haus von Mrs. Begetstone ging.

„Ich werde einfach ganz schnell an der alten Mühle vorbeirennen“, sagte sie sich, atmete tief ein und lief los.

Rechterhand aus dem Mühlenwald drangen schon jene nächtlichen Geräusche, die die Menschen das Fürchten lehren. Hier und da raschelte es im Unterholz und der Schrei eines Uhus flog über die Wipfel der Kiefern und Schwarztannen. Noch konnte Tala mit ihren scharfen Augen alle Umrisse um sich herum gut ausmachen, und der Weg selbst wand sich wie ein helles Band durch die Düsternis. Das Rauschen des Nutbaches wurde lauter und lauter, als der Weg einen Bogen beschrieb und das düstere Gebälk der ausgebrannten Mühle in Sicht kam. Tala lief schneller und versuchte, dem Haus keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. Sie war schon fast an der Mühle vorbei, da ließ ein seltsamer Laut sie zusammenfahren.

Eine krächzende Stimme schallte aus dem verbrannten Haus. Tala fuhr herum. Auf dem Balken über der verkohlten Eingangstür saß ein riesiger Rabe. Beinahe dreimal so groß wie die Raben, die sich im Winter auf dem Dach des Waisenhauses tummelten! Der riesige Vogel ließ die Türe der verbrannten Mühle merkwürdig klein aussehen. Doch das Verstörende an diesem Tier war nicht seine Größe, nein, das waren seine Augen: Sie leuchteten in einem durchdringendem Rot und sahen Tala unheimlich wissend an. Etwas Eigenartiges, Unnatürliches ging von dem Tier aus.

Heftig schlug Talas Herz in ihrer Brust. Der flackernde rote Blick des Raben war auf sie gerichtet, als habe er sie erwartet. Instinktiv spürte das Mädchen, dass es hier nicht sein sollte, dass es hier nicht bleiben durfte! Fest fasste sie den Blechwagen, zog heftig daran und brachte ihn auf dem abschüssigen Pfad zum Rollen. Hinter sich hörte sie ein durchdringendes Krächzen, dass sich zum Himmel aufschwang. Schnell wie nie zuvor rannte sie am Nutbach entlang in Richtung Südwald. Sie sah sich nicht um und hörte nichts mehr als ihre Lederschuhe auf dem Steinweg und das laute Quietschen des Blechwagens, das die Stille des angrenzenden Waldes spaltete wie ein Kriegshorn den Frieden.

Völlig außer Atem erreichte sie das schiefe Haus von Martha Begetstone. Rasch sah sie hinter sich auf den Weg und zum Himmel hinauf und fürchtete, im nächsten Moment erneut das schaurige Krächzen zu hören. Doch da war nichts. Kein schwarzer Schatten, der sie verfolgte, keine leuchtenden Augen, die sie aus der Dunkelheit heraus anstarrten.

Tala schob den Blechwagen neben die Haustür und schöpfte Atem. Nie zuvor hatte sie einen solchen Raben gesehen, außer vielleicht in ihren Alpträumen, die sie häufig nachts heimsuchten und nicht wieder einschlafen ließen. Was war das für ein Tier, dessen Augen leuchteten wie glühende Kohlen?

Oder war es am Ende ein ganz gewöhnlicher Rabe gewesen und ihre Sinne hatten ihr in der Dunkelheit einen Streich gespielt?

Erneut spähte Tala den düsteren Weg entlang. Am Himmel blitzten bereits die ersten Sterne und der Nordwind summte sachte durch den Wald hinter dem Nutbach. Alles war friedlich und ruhig. Tala seufzte. Jedenfalls war sie sich sicher, dass ihr Bedürfnis nach Mutproben fürs Erste gestillt war!

In der Wäscherei, die im Erdgeschoss des Hauses lag, war es bereits dunkel. Das war sonderbar, denn normalerweise arbeitete Martha Begetstone wochentags bis in den Abend hinein. Tala ging ein paar Schritte zurück und sah zu den Fenstern im ersten Stock hinauf.

Das Haus von Mrs. Begetstone war schmal und schief und lag einsam am südlichen Rand des Dorfes. Roter Backstein und wenig kunstvolles Fachwerk hielten es zusammen. Das Holzdach bog sich in einem krummen Winkel dem Himmel entgegen, sodass man stets fürchten musste, dass der nächste Windstoß es fortriss.

Tala kniff die Augen zusammen. Dort, am Küchenfenster, flackerte Kerzenschein.

Sie lehnte sich gegen die Haustür und öffnete sie leise.

Im unteren Flur war es stockdunkel, sodass Tala mit den Händen durch die Luft tastete, bis sie das abgegriffene Holzgeländer zu fassen bekam. Eben wollte sie die Stufen hinaufeilen, als sie plötzlich leise Stimmen hörte. Tala spürte, wie ihr Herz wieder anfing zu klopfen. Martha Begetstone bekam nie Besuch, und nach Einbruch der Dunkelheit gab auch niemand aus dem Dorf hier seine Wäsche ab.

Die alten Holzstufen protestierten ächzend unter Talas Gewicht, als sie leise die Treppe hinaufschlich. Sie hielt bei jedem Schritt die Luft an und ihre Augen starrten Löcher in die Dunkelheit, während sie sich immer weiter voran tastete.

Jetzt waren die Stimmen besser zu hören: Ein Mann sprach leise und eindringlich, zwischendurch vernahm Tala auch Mrs. Begetstone. Ihre Antworten waren kurz und knapp und die Stimme der älteren Frau hörte sich seltsam verändert an.

Tala hatte jetzt das obere Ende der Treppe erreicht. Ein schmaler Lichtstreifen drang aus der angelehnten Küchentür in den Flur.

„Ich weiß, was ich dir angetan habe“, sagte der Mann gerade. „Es tut mir aufrichtig leid. Glaube mir, ich habe es mir nicht ausgesucht! Ich habe dir einen Brief geschrieben in der Hoffnung, er würde dich erreichen.“

„Er ist nie angekommen.“

„Das habe ich befürchtet. Ich konnte nicht früher kommen. Ich habe trotz großer Gefahren diesen Umweg genommen. Ich dürfte gar nicht hier sein! Meine Feinde sind sehr mächtig und … “, die Stimme des Mannes verstummte.

„Und?“ Mrs. Begetstone klang alarmiert.

„Wir werden belauscht! Da ist jemand draußen auf der Treppe.“ Bevor Tala reagieren konnte, wurde die Küchentür aufgerissen und ein schlanker, junger Mann mit hellbraunem Haar und weichen Gesichtszügen stand vor ihr. Seine braunen Augen leuchteten wie die eines Rehs kurz vor der Flucht, und doch spiegelten sich in ihnen auch Stärke und Mut. Als er erkannte, wen er vor sich hatte, entspannte sich sein Körper, doch er musterte das kleine Mädchen weiterhin misstrauisch. Neben ihm erschienen die hochgesteckten grauen Haare von Mrs. Begetstone im Türrahmen.

„Tala!“, rief sie erleichtert. „Das ist Tala. Sie wohnt im Waisenhaus und hilft mir ab und an in der Wäscherei.“ Martha Begetstone lächelte und viele kleine Lachfalten legten sich um ihren schmalen Mund. „Komm’ herein! Tee ist gemacht und die Suppe steht noch heiß auf dem Herd. Ich habe hohen Besuch.“

Mrs. Begetstone machte sich am Herd zu schaffen. Über ihre langen, dunkelbraunen Röcke hatte sie eine Schürze gebunden und ihre beschmutzte Bluse erzählte von einem langen Arbeitstag. Martha Begetstone war nicht besonders groß, doch sie strahlte eine Stärke aus, eine innere Würde, die sich in ihren Bewegungen und in ihrem Gesicht widerspiegelte. Einige wenige Handgriffe, und sie hatte dem Waisenmädchen und ihrem ungewöhnlichen Besucher Suppe und Tee auf den hölzernen alten Küchentisch gestellt. Die Einrichtung der kleinen Küche bestand aus einer Bank, Tisch und Stühlen und einem Ofen, welcher zum Kochen und Backen benutzt wurde. Das Ofenfeuer knisterte behaglich und die Holzscheite, die den Herd warm hielten, spuckten und pfiffen, als brenne im Ofen ein Feuerwerk ab.

Tala saß auf der Bank und musterte den hochgewachsenen jungen Mann abwartend. Er trug ein helles Hemd, darüber ein abgetragenes Lederwams und seine vollen, hellbraunen Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Die Anspannung war aus seinem sanften Gesicht gewichen und er hielt Tala mit einem warmen Lächeln die Hand hin:

„Ich bin Janus.“ Seine Stimme klang klar und freundlich. Zögernd erwiderte Tala den Gruß und kräftig schloss sich Janus’ Hand mit angenehmem Druck um die ihre.

„Janus ist mein Sohn“, sagte Martha und gab Tala einen Löffel für die dampfende Suppe. „Er war lange … - auf Reisen.“

„Wohin bist du denn verreist?“, fragte Tala skeptisch und dachte an Tims Geschichten über das plötzliche, mysteriöse Verschwinden von Mrs. Begestones Sohn. Im nächsten Moment verschwand das Lächeln auf Janus’ Gesicht. Seine ebenmäßige Haut wurde eine Spur blasser, während er müde und abgekämpft in seine Suppe starrte. Schließlich sah er sie offen an: „Das kann ich dir leider nicht erzählen.“ Er senkte den Kopf.

„Bist du auf der Flucht vor jemandem?“, bohrte sie weiter. Wenn es etwas gab, das Tala nicht ertragen konnte, dann waren es Geheimnisse, in die sie nicht eingeweiht war. Doch als Janus erneut den Blick hob, erschrak Tala beinahe angesichts der grimmigen Entschlossenheit in seinen rehbraunen Augen.

„Du hast keine Ahnung, wie gefährlich deine Worte sind! Also tu’ uns allen und dir selbst einen Gefallen und frage nicht mehr danach, woher ich komme und wohin ich gehe.“

Widerstrebend schluckte Tala weitere Fragen hinunter, doch in ihrem Kopf rumorte es.

„Bleibst du über Nacht?“, fragte Mrs. Begetstone.

„Ja!“, antworteten Tala und Janus wie aus einem Mund und Martha musste lachen.

„Na, dann werde ich mal den Bratapfelwein aus dem Keller holen. Schließlich haben wir heute etwas zu feiern!“ Mit diesen Worten verließ sie die Küche und Tala hörte sie die knarrenden Treppenstufen hinabsteigen.

„Und du wohnst in dem Waisenhaus?“, fragte Janus, während er sie aus klugen Augen ansah.

„Ja“, erwiderte Tala. Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: „Aber ich mag es dort nicht besonders.“

Die anderen Kinder fanden Tala seltsam: Entweder streifte sie stundenlang allein durch den Wald, oder sie saß in einer Ecke und zeichnete. Tala zeichnete für ihr Leben gern. In der Schule brachte sie die Lehrer zur Weißglut, weil sie ihre Hefte vollkritzelte, anstatt dem Unterricht zu folgen. Allerdings waren die Bilder, die sie malte, recht sonderbar. Vor ein paar Tagen hatte sie ihre Bettnachbarin zum Weinen gebracht, weil sie eine Zeichnung von einem Totenkopf auf deren Bett vergessen hatte. Statt der leeren, dunklen Augenhöhlen hatte Tala ihm zwei lebendige Augäpfel gemalt. Sie wusste selbst nicht, warum sie solche Dinge zeichnete, doch plagten sie ihre Alpträume weniger, wenn sie das, was sie nachts sah, zu Papier brachte.

Umgekehrt ließen die anderen Kinder keine Gelegenheit ungenützt, Tala das Leben schwer zu machen. Vor einiger Zeit hatten sie ihr Ameisen ins Bett gesetzt. Das Waisenmädchen war abends müde hineingefallen - und mitten im Einschlafen mit brennender Haut wieder aufgeschreckt.

„Wie alt bist du?“ Janus’ Finger trommelten auf die Tischplatte.

„Elf. Ungefähr. So genau weiß das niemand. Ich bin gefunden worden, als ich sechs oder sieben Monate alt war. Niemand weiß, wer mich ausgesetzt hat.“ Tala sagte das sehr beiläufig. „Ich feiere meinen Geburtstag am 12. des Apfelmonats. Weil ich den Polarstern so gerne habe.“

„Na, dann alles Gute nachträglich“, lächelte Janus.

„Wie lange warst du fort?“ Tala konnte es nicht lassen.

„Acht Jahre, zwei Monatskreise und dreizehn Tage“, antwortete Martha Begetstone, die soeben mit dem Bratapfelwein hereingekommen war. „Aber nun wollen wir trinken!“

Sie stellte drei Gläser auf den Tisch und schenkte ein. Tala bekam nur einen winzigen Schluck Wein, den Mrs. Begetstone mit reichlich Tee und Zucker verdünnte.

„Weißt du noch, Mutter, wie ich mit dreizehn Jahren aus dem Keller Bratapfelwein gestohlen habe?“ Janus’ Augen blitzten vergnügt. „Ich hing die ganze Nacht über dem Waschbecken!“

„Allerdings“, erwiderte Martha lebhaft. „Mich wundert, dass du jemals wieder Geschmack daran gefunden hast!“ Sie hob ihr Glas: „Auf meinen totgeglaubten Sohn! Auf dass er der Gefahr, die ihn bedrängt, entfliehen kann und glücklich wird.“ In ihren Augen blitzten Tränen und das Glas in ihrer Hand zitterte leicht.

„Auf die Freiheit!“ sagte Janus feierlich, und die Gläser trafen sich in der Mitte des Tisches.

Die Stimmung wurde ausgelassen. Obwohl Marthas blaue Augen vom Wein und von der Müdigkeit immer kleiner wurden, trug sie eine Anekdote nach der anderen vor: Wie Janus mit seinem Freund, dem Sohn des Bauern Henderson, auf dessen Pony durch die Dorfkapelle geritten war. Oder wie er mit dem Brotteig seiner Mutter Ball gespielt hatte, bis sich Dreck und Staub darin verfing, sodass das Brot hinterher zwischen den Zähnen knisterte.

Mehr als einmal musste Tala so sehr lachen, dass sie glucksend unter den Tisch auf den Boden sank. Janus zog sie jedes Mal mit einem kräftigen Ruck auf die Bank zurück, obwohl er selbst nicht weniger lachte.

Alle Schrecken des Abends waren vergessen und in weite Ferne gerückt. Martha Begetstone saß selig auf ihrem Stuhl und strahlte über das ganze Gesicht. Der Abend war schon weit vorangeschritten, als sie schließlich sagte: „Deine alte Mutter muss ins Bett. Ich breite dir vor dem Ofen ein paar Felle aus, Tala schläft auf dem Dachboden, und ich werde mich in die Stube zurückziehen.“

Mit diesen Worten erhob sie sich, holte Felle, Decken und Kissen aus der Küchenbank und bereitete für Janus ein Bett. Tala stieg bereits die Leiter zum Dachboden hinauf, als Janus sagte:

„Ich werde morgen sehr früh aufbrechen müssen. Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen!“

„Mich auch!“, erwiderte sie strahlend. „Komm‘ bald wieder!“

„Wenn es mir möglich ist. Gute Nacht!“ Janus zwinkerte ihr zu und hob die Hand zum Abschied. Tala drückte die Dachluke in der Küchendecke auf und schlüpfte hindurch.

Die Luft im Dachgeschoss war wie immer feucht. Kühl drang die Nacht durch die Ritzen zwischen den Dachziegeln und der Mondschein bahnte sich seinen Weg durch das kleine Fenster, sodass der Raum schwach erleuchtet war.

Unter der Dachschräge lag sorgfältig ein Laken über frischem Stroh ausgebreitet, neben dem Lager stand eine große Truhe. Tala lächelte. Sie schlief hier viel besser als auf den harten Matten im Schlafsaal des Waisenhauses. Ruhig ging sie zu der Truhe hinüber und zündete die Kerze an, die darauf stand. Sie wollte noch ein wenig die Zeichnungen anschauen, die sie letztes Wochenende hier gemalt hatte und die seitdem auf einer alten Schulbank unter dem Fenster lagen. Diese Schulbank hatte Martha gehört, die als Kind im Haus ihrer Eltern hier auf dem Dachboden gewohnt und gelernt hatte. Nun diente die Bank Tala als Maltisch und Versteck für ihre Zeichnungen.

Das Mädchen war noch mit der Kerze beschäftigt, die nicht gleich angehen mochte, als es mit einem Mal spürte, dass es nicht alleine war. Langsam drehte Tala sich zur Schulbank um. Das Dachfenster stand offen und zwei leuchtend rote Augen starrten sie aus der Dunkelheit heraus an.

Dort, auf der Schulbank, saß der große Rabe von der alten Mühle. Seine glühenden und doch eiskalten Augen hatten etwas seltsam Menschliches. Tala stieß einen spitzen Schrei aus und ließ die Kerze fallen. Das Licht erlosch und sie war unter den finsteren Dachbalken im Halbschatten des Mondes gefangen. Sie spürte, wie ein fremdes Bewusstsein nach ihr griff und sich unsichtbare Klauen um ihren Brustkorb legten wie eiserne Ketten. Ihr Mund öffnete sich, doch kein Laut kam heraus. Unwillkürlich wich sie einige Schritte zurück, stolperte und fiel auf den rauen Holzboden.

Plötzlich hörte sie ein Poltern auf der Leiter und im nächsten Moment wurde die Dachluke aufgerissen und das Gesicht von Janus erschien. Blankes Entsetzen stand in seinen Augen, als er den Raben erblickte. Mit einem kräftigen Ruck schwang er sich in das Zimmer und spuckte dem Vogel ein Wort entgegen, welches Tala nicht verstand. Schlagartig lösten sich die unsichtbaren Klauen und der Rabe wandte sich zum offenen Fenster. Erst jetzt bemerkte sie, dass er eine ihrer Zeichnungen im Schnabel trug. Erstaunt riss sie den Mund auf, doch da war das Tier schon mit kräftigem Flügelschlag in die Nacht verschwunden. Janus hastete zum Fenster und zog es schnell zu.

„Meine Zeichnung“, hauchte Tala fast lautlos. Ein seltsames Gefühl hatte sie erfasst.

„Was?“ Janus drehte sich alarmiert zu ihr um.

„Der Rabe hat eine meiner Zeichnungen mitgenommen.“ Tala starrte Janus mit aufgerissenen Augen an und deutete auf die Schulbank. Martha Begetstones verschollener Sohn sah verwirrt auf die bemalten Seiten hinunter. Plötzlich atmete er keuchend aus, beugte sich vor und sah sich hastig ein Blatt nach dem anderen an. Entsetzt blickte er auf, zog eine Zeichnung heraus und hielt sie ihr hin.

„Wie um Himmels willen kommst du dazu, so etwas zu malen?“ Er presste die Worte heraus. Tala trat unsicher näher. Auf dem Papyrus sah man ein großes, offenes Auge, welches sie wissend anstarrte. Plötzlich wurde ihr eiskalt und sie begann unkontrolliert zu zittern.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie hilflos. Einen Moment sah Janus sie einfach nur an, unbeweglich, gefangen in der Spannung unausgesprochener Fragen. Doch mit dem nächsten Atemzug kehrte alle Lebendigkeit in den jungen Mann zurück. Mit hektischen Bewegungen sammelte er die Papyrus-Blätter ein, warf sie in den Regeneimer, der neben der Truhe stand, und zündete sie an. Beißend kroch der Rauch aus dem Eimer empor und kratzte Tala im Hals, während sie auf die züngelnden, blauroten Flammen starrte. Janus wartete, bis das Papier völlig verbrannt war, dann schaute er auf. „Wir müssen fort von hier. Sofort.“

 

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